Kompromiss ist die schlechteste aller Lösungen

Kompromiss ist die schlechteste aller Lösungen

Ich bin begeisterter Mountainbiker und fahre gern schnelle und schwierige Trails mit ordentlicher Steigung bzw. Gefälle. Also sind die Berge mein bevorzugtes Reiseziel. Vor einigen Jahren wollten nun meine Frau und unsere beiden Kinder ans Meer. Früher habe ich viel Wassersport betrieben, aber früher ist eben früher!

Wenn Meer und Berge zur Auswahl stehen, tauchen bei vier Personen sozusagen im Kleingedruckten noch viel mehr Optionen bzw. Fragen auf, die zu berücksichtigen sind. Hier eine kleine Auswahl:

  • Wie hoch müssen die Berge sein?
  • Gibt es dort einen Shuttle-Service oder Gondeln, die mein Bike mit auf den Gipfel nehmen?
  • Welches Meer soll es denn sein: Nord- oder Ostsee, Schwarzes Meer, Atlantik, etc…?
  • Sandstrand wäre super!

Dann der erste vermeintlich versöhnende Vorschlag: Dieses Jahr ans Meer und nächstes Jahr in die Berge. Ein Kompromiss. Doch Kompromisse sind nicht jedermanns Sache und auch nicht immer die beste Lösung. Doch ich greife vor. Dieser Kompromiss bedeutet: Ich muss ans Meer, und bei dem Gedanken habe ich schon gar keine Lust mehr auf Urlaub. Außerdem hat dann der Rest meiner Familie im nächsten Jahr schlechte Laune, wenn sie mit mir in den Berge müssen. Das will ich auch nicht.

Wenn ich mich durchsetze, dann fahren wir in die Berge. Ich habe gewonnen, die anderen das Nachsehen. Wenn ich nachgebe, dann gewinnen sie, und ich schaue blöd aus der Wäsche.

Ohne Einigung, zu der alle stehen können, gibt es immer Gewinner und Verlierer.

Wir halten fest: Ein Kompromiss ist ein Mittelweg, der oft keiner beteiligten Partei gerecht wird. Jeder muss auf etwas verzichten und das führt nicht selten zu Unzufriedenheit. Auf Neudeutsch nennt man das win/loose- oder loose/win-Situation. Win/win wäre entschieden besser!

Weil ich auf meine Berge nicht verzichten wollte, habe ich recherchiert, ob es irgendwo auf der Welt ein Fleckchen mit Meer und Bergen gibt. Gibt es, und gar nicht mal so weit weg. Ligurien! Eine Küstenregion im Nordesten Italiens, die im Westen durch Ausläufer der Alpen und im Osten durch den Apennin begrenzt wird. In Finale Ligure, einem Ort ungefähr in der Mitte dieser Region, lässt ein Shuttle-Service für die Bikes mein Herz höherschlagen, und das Meer direkt vor der Haustür erfüllt die Wünsche meiner Familie.

Als ich meinen Fund mit Frau und Kindern geteilt habe, ist erstmal das Internet leergesaugt worden 😉 Fotos angesehen, Infos gelesen, Wasser- und Lufttemperaturen gecheckt. Dann waren alle begeistert und haben Ideen entwickelt: Wie kommen wir hin? Welche Route nehmen wir auf dem Hinweg? Welche Strecke fahren wir wieder zurück? Wen können wir unterwegs besuchen? Der Vorschlag hat eine Eigendynamik entwickelt, die gar nicht mehr zu bremsen war.

Wir halten fest: Bei diesem Konsens erhalten alle die große Portion Eis, und jeder noch dazu seine heißgeliebten Sorten. Unzufriedenheit? Fehlanzeige! Win/win für alle Beteiligten.

Bei einem Konsens sind alle zufrieden, und er führt weiter als gedacht.

Wer will denn jetzt noch Kompromisse schließen?

Wie kann ich einen Konsens herstellen?

Ich muss die Bedürfnisse aller Beteiligten gleichermaßen berücksichtigen. Das dauert in der Regel länger als ein Kompromiss. Zudem äußert nicht jeder klar und deutlich seine Bedürfnisse und hält seine Gefühle zum Thema möglicherweise zurück. Auf dem Weg zum Konsens heißt es also, Fragen stellen, um den Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, Nur so kann gegenseitiges Verständnis entstehen, was wiederum die Basis für Konsens ist.

Mit der Konsens-Matrix lässt sich unser Thema gut visualisieren und hilft dabei, die erwünschte Win/Win-Situation herbeizuführen. Ich selbst setze diese Matrix bei komplexen Themen ein, um für alle Beteiligten den Prozess zu veranschaulichen und jederzeit über den Stand des Fortschritts auf dem Laufenden zu sein.

Oft geht es dabei mehr um gute Gefühle als um klar messbare Ziele. Manchmal muss ich auch gar nicht sehr in die Tiefe gehen, wenn es tatsächlich nur um die Sache an sich geht.

Um einen Konsens zu erzielen, müssen bestimmte Parameter von allen Beteiligten akzeptiert sein:

  • Alle Beteiligten sollen sich mit dem Ergebnis wohlfühlen.
  • Alle Beteiligten sind bereit, Zeit dafür investieren.
  • Alle Beteiligten sind bereit, sich in die anderen einzufühlen,
  • Alle Beteiligten lassen von den eigenen festgefahrenen Vorstellungen los.
  • Alle Beteiligten denken über die eigenen Grenzen hinaus.

Einen Konsens Schritt für Schritt herstellen

Schritt 1: Miteinander reden

Kleben Sie auf dem Fußboden die Matrix z.B. mit Krepp-Klebeband auf und stellen Sie den IST-Zustand fest. Dafür schreibt jeder seinen Standpunkt auf einen Zettel und legt diesen in die Matrix. Siehe auch 1) „Ich will die in die Berge“ und 2) „Wir wollen ans Meer“. Damit ist die Ausgangslage klar.

„Wir sind zu dritt und du bist alleine: Wir überstimmen dich einfach.“ – Ja, das geht auch, ist aber kein Konsens, ja nicht einmal ein Kompromiss.

Jetzt halten wir noch die Zufriedenheit jedes Beteiligten mithilfe der Skalierungsfrage in jeder Lösung fest. Mal angenommen, wir fahren ans Meer. Wie zufrieden seid Ihr mit der Lösung auf einer Skala von 1-10? 10 bedeutet: nicht mehr zu toppen.

Mit diesen Informationen können wir einen möglichen Konsens oder auch einen Kompromiss verifizieren.

Nun wird es Zeit, einmal zu schauen, warum die Beteiligten unterschiedliche Wünsche, Vorstellungen oder auch Meinungen haben:

  • Fragen nach den Hintergründen
  • Fragen zu den Gefühlen
  • Fragen zu dem, was jedem dabei wichtig ist

Dabei sollte jeder jeden verstehen und die einzelnen Gründe nachvollziehen können. Es geht NICHT darum, etwas gut oder schlecht zu finden!

Schritt 2: Gemeinsam nach Lösungen suchen

Erst wenn jeder jeden verstanden hat, können wir auf die Suche nach Lösungen gehen. Ich nehme hier gerne die Brainstorming-Methode. Jeder darf die verrücktesten Ideen nennen, ohne dass die anderen diese kommentieren dürfen. Die Ideen dürfen auch auf keinen Fall diskutiert werden. Es geht um eine Ideensammlung.

Schritt 3: Bewerten der Lösungsideen

Wenn alle Ideen auf dem Tisch sind, können diese bewertet werden. Ich persönlich gehe dabei wie folgt vor:

  1. Eine Idee aufnehmen und kurz vom Ideengeber erläutern lassen.
  2. Verständnisfragen zur Idee stellen und beantworten. Dabei immer noch KEINE Bewertung vornehmen.
  3. Jedem Beteiligten die Skalierungsfrage aus Schritt 1 zu jeder Idee stellen und notieren.

Dabei werden die Ideen, die alle Beteiligten für Quatsch halten, schon aussortiert und beiseitegelegt (nicht wegwerfen). Sind alle Ideen bewertet, folgt Schritt 4.

Schritt 4: Gemeinsame Lösung finden

Nun geht es darum, aus den vorhandenen Möglichkeiten die Kombination mit den meisten hohen Bewertungen zu wählen. Bei sind folgende Regeln zu beachten:

  • Jeder hat das Ziel, eine gemeinsame Lösung zu finden.
  • Jeder ist bereit, gewohnte Denkmuster zu verlassen.
  • Jeder wechselt die Perspektive und tauscht bewusst mal die Plätze auf der Matrix.
  • Jeder ist gewillt, sich in die anderen hineinzuversetzen.

Kompromisse sind wirklich überflüssig!

Fazit: Kompromisse werden nur benötigt, wenn die Beteiligten nicht in der Lage sind, Konsens herzustellen und es an Einsicht mangelt, eine externe Mediation zur Lösung hinzuzuziehen.

In den vielen Fällen ist es sogar besser, sich für eine Lösung zu entscheiden und diese auszuprobieren. Selbst wenn der Weg sich als falsch erweist, bleibt ja noch der andere Weg für einen zweiten Versuch. Führungskräfte müssen auch eine solche unpopuläre Entscheidung treffen und kommunizieren können. Ein weiteres Zeichen konsequenter Führung.

Konsensbildung sorgt konsequent für gute Stimmung.

 

 

 

 

 

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Thorsten Ebeling Entwicklung.Veränderung.Führung. hat 4,87 von 5 Sternen 78 Bewertungen auf ProvenExpert.com